Die Geschichte beginnt in der Familie…

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz (IJBS), die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten/die Gedenkstätte Bergen-Belsen und die Internationale Nichtregierungsorganisation „Grundlagen der Freiheit“ in Zusammenarbeit mit der Friedrich Ebert Stiftung Vertretung in Polen luden zur Teilnahme an der ersten Edition des deutsch – polnisch – ukrainischen Projektes „Die Geschichte beginnt in der Familie…“ 22 junge Menschen aus Polen, Deutschland und der Ukraine ein. Diese interessieren sich für die Geschichte des 2. Weltkrieges und das kollektive Gedächtnis über diese Ereignisse und möchten Recherchen zum Schicksal der eigenen Familien vor, während und nach dem 2. Weltkrieg sowie zur Vermittlung der Erinnerung über diese Geschehnisse in der Familie durchführen und sind bereit, die gesammelten Erfahrungen im Plenum der Gruppe zu teilen.

Während des Projektes, das mehrtägige Workshops in Deutschland (August 2015), in Polen (Oktober 2015) und in der Ukraine (März 2016) umfasst, wird das Thema der Familie und der Geschichte gemeinsam aus zwei Perspektiven erwogen: die Rolle der Familien in der Geschichte und die Rolle der Geschichte in der Familie.

Vom 23. bis zum 29. August 2015 dauerte der erste Teil des Projektes. Das Seminar fand in dem malerischen Dorf Oldau in Deutschland, nicht weit von dem ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, statt. Unsere ganze Gruppe wohnte in dem Haus namens Anne Frank. Die gemeinsame Begegnung und Arbeit begannen wir mit dem Kennenlernen im Kontext unserer Biografien, Familien und Länder, woher wir kommen. Die weiteren Workshops hatten zum Ziel, uns auf den Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen vorzubereiten – wir schauten und diskutierten gemeinsam über den Dokumentarfilm „Waiting for the Homeland“, der über das Schicksal von Toni und Josef Dreilinger erzählt, die im Lager Bergen-Belsen befreit wurden. Die polnische Gruppe wurde durch das Gelände des Museums und der Gedenkstätte von Dr. Karl Liedke geführt, der unsere Aufmerksamkeit auf das Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen und der jüdischen und nicht-jüdischen Häftlinge des Konzentrationslagers Bergen-Belsen lenkte. Viele neue Informationen und auch Berührungsmomente lieferte der Workshop anhand von schriftlichen und filmischen Zeugnissen der Überlebenden, die regelmäßig im Archiv von Bergen-Belsen gesammelt werden.

Im Rahmen des Workshops zur oral history lernten wir die Techniken der Interviewführung und ihre praktische Verwendung kennen, um während des zweiten Teiles des Projektes in Polen, im Plenum der Gruppe, die Informationen und Erfahrungen, die wir bei den Recherchen in unseren familiären Geschichten gesammelt haben, miteinander zu teilen.

Im Oktober werden wir uns zum zweiten Teil des Projektes in der IJBS Oświęcim/Auschwitz treffen. Wir werden das ehemalige Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besuchen und uns mit dem Aspekt, worüber und wie in unseren Familien der intergenerative Dialog über die Geschichte geführt wird und wie das historische Bewusstsein entsteht, befassen.

Das besondere Augenmerk wird dabei auf dem Schicksal der jüdischen Familien, die nach Auschwitz deportiert wurden, von denen die Mehrheit hier vor Ort ermordet wurde, liegen. Durch die Entdeckung von verschiedenen familiären Geschichten werden wir zeigen, wie die jeweiligen Generationen in Polen, Deutschland und der Ukraine an die Vergangenheit erinnern, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede in dem jeweiligen Land und zwischen den Ländern vorkommen.

Im Frühling 2016 planen wir das nächste Treffen in der Ukraine. Wir werden die Gedenkorte in Lemberg und anhand von verschiedenen Quellen die Schicksale der Familien, die von deutscher und sowjetischer Besatzungspolitik und der nationalsozialistischen Vernichtung in Europa betroffen wurden, kennenlernen. Die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit werden bearbeitet und dem breiteren Publikum auf der von den TeilnehmerInnen und dem Leitungsteam vorbereiteten Internetseite präsentiert werden.

Wie sah die Seminarwoche in Deutschland in den Augen der polnischen TeilnehmerInnen aus…

Die Reise nach Deutschland war für mich eine sehr interessante Erfahrung. Ja, sie war ein bisschen anstrengend, aber wir haben uns auch sehr gut unterhalten, indem wir die verschiedenen Sprachen genutzt haben.

Eine große aber auch gleich eine positive Überraschung für uns war die Zuteilung der Zimmer. Ermüdet von der Reise haben wir erfahren, dass die Zimmer von den TeilnehmerInnen aus verschiedenen Ländern geteilt werden. Dank dessen konnten wir uns besser integrieren und dadurch auch unsere Englischkenntnisse verbessern.

Es kam die Zeit für die Workshops, die Thematik war weder leicht noch angenehm.

Wir haben Momente voller Reflexion erlebt, wir hatten Zeit gehabt, um die Entscheidungen und Motivationen der Menschen zu erwägen, die die Hölle auf der Erde erlebt hatten. Während des Rundganges durch die Gedenkstätte Bergen-Belsen lernten wir einige Geschichten kennen, die uns sehr beeindruckt und ermöglicht haben, sich die Realität des Lebens im Krieg vorzustellen. Gemeinsam tauschten wir unsere Erfahrungen, Ansichten, Beobachtungen aus. Wir erwarben das Wissen auf eine untypische und interessante Art und Weise, z.B. während der Präsentation, die von Diana Gring, die sich mit der Durchführung der Interviews mit den Überlebenden beschäftigt, vorbereitet wurde. Wir konnten nicht nur die Geschichte des 2. Weltkrieges auf eine unkonventionelle Art und Weise kennenlernen, sondern auch sehr viel über die Länder, woher wir kommen und auch voneinander erfahren.

Vielleicht haben die in gewissem Sinne schwierige Themen geholfen, zwischen uns eine enge Bindung aufzubauen, weil wir in dieser kurzen Zeit geschafft haben, sehr tiefe und aufbauende Freundschaften zu knüpfen. Ein Umbruchmoment für uns alle war der ukrainische Abend, der am 24. August zum Anlass des Unabhängigkeitstages der Ukraine organisiert wurde.

Ich werde den faszinierenden ukrainischen Abend nie vergessen, als wir die traditionellen ukrainischen Puppen gemeinsam gemacht haben. Die Atmosphäre, die zwischen uns herrschte, erlaubte uns, sich in der Zeit, die für Integration und Spaß vorgesehen war, zu entspannen. Wir lernten die Sitten und die Sprache kennen, wir tanzten einen belgischen Tanz, sangen polnische Lieder und brachten einen Toast auf Ukrainisch aus!

Der Aufenthalt in Deutschland war für mich nicht nur die Gelegenheit, die Geschichte besser kennenzulernen, sondern vor allem das ehemalige Lager Bergen-Belsen zu besuchen, die Fähigkeit der Interviewführung zu erwerben und vor allem neue Freundschaften zu knüpfen. Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, stammten aus drei Ländern, jedoch hat uns viel Gemeinsames verbunden, sehr schnell knüpften wir neue Bekanntschaften und integrierten uns. Die sprachliche Barriere oder auch die kleinen kulturellen Unterschiede waren kein Problem für uns.

Unglaublich war das Treffen der Jugendlichen aus den fremden Ländern, die eine ähnliche, jedoch nicht identische Kultur haben. Ich freue mich sehr, dass ich so viele wunderbare und positive Menschen, mit denen ich jeden Tag so angenehm und interessant die Zeit verbrachte, kennengelernt habe. Diese Momente bleiben lange Zeit in meiner Erinnerung. Mit manchen, trotz der Beendigung des ersten Seminarteiles, bleiben wir immer in Kontakt. Wir haben uns alle in unserer Gesellschaft sehr wohl gefühlt. Diese Harmonie kam am besten am letzten Tag zum Ausdruck: nach dem netten Abend, den wir beim gemeinsamen Grillen verbracht haben und in die Zimmer zurückkamen, hatte niemand von uns Lust gehabt, schlafen zu gehen. Alle wollten noch möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen. Eine sehr angenehme Überraschung war es, dass die SeminarteilnehmerInnen aus Deutschland kaum die letzte Nacht geschlafen haben und wollten sich unbedingt von uns verabschieden, obwohl unsere Abreise sehr früh am Morgen stattfand. Wir haben Oldau verlassen, erfüllt von neuen Eindrücken, Bekanntschaften und mit der Hoffnung, dass die Zeit zu unserer nächsten Begegnung sehr schnell vergehen wird…

Drei verschiedene Länder, vier unterschiedliche Sprachen, 22 Personen, teilweise so unterschiedlich, teilweise aber so ähnlich. Jede Person individuell, mit eigener Begabung. Gemeinsam jedoch bildeten wir eine wunderschöne und harmonische Einheit.

Mit einer Sache sind wir alle einverstanden: wir können die nächste Begegnung kaum erwarten.

Das internationale Projekt „Die Geschichte beginnt in der Familie …“ ist ein Ereignis, das lange in meiner Erinnerung bleiben wird. Diese Woche war die beste Woche während meiner Sommerferien. Gerne würde ich nach Oldau zurückkehren. Ich freue mich unglaublich, dass der Aufenthalt in Deutschland der erste Teil unseres Projektes ist und dass ich mich mit meinen neuen Freunden bald noch mal in Oświęcim und dann in Lemberg treffen werde.

Welche Früchte brachte die ganze Seminarwoche? Wir werden es Ende Oktober erfahren, wenn wir uns zum zweiten Teil des Projektes in der IJBS treffen, wo die TeilnehmerInnen die Ergebnisse der Hausaufgabe präsentieren werden – die Interviews zum Schicksal der eigenen Familie vor, während und nach dem 2. Weltkrieg.

Text: Barbara Boba, Paulina Bożyk, Agnieszka Kawczak, Dominika Pituła, Aleksandra Płonka, Jakub Gomółka, Jakub Kamieniarz, Łukasz Kowalski, Grzegorz Rusek, Elżbieta Pasternak.

Koordination und Projektleitung: Elżbieta Pasternak (Die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz), Daniel Seifert (Die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten/die Gedenkstätte Bergen-Belsen), Oleksa Stasevych, Halyna Bunio, Oleh Ovcharenko (Die Internationale Nichtregierungsorganisation „Grundlagen der Freiheit“).

Das Projekt wurde vom Deutsch – Polnischen Jugendwerk und der Friedrich Ebert Stiftung Vertretung in Polen finanziert.