"Die Geschichte beginnt in der Familie..." Deutsch-polnisch-ukrainisches Jugendprojekt

Die internationale Nichtregierungsorganisation Foundations for Freedom (Ukraine), die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz (Polen) sowie die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen (Deutschland) luden in Zusammenarbeit mit dem polnischen Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung 24 junge Menschen zur Teilnahme an der zweiten Ausgabe des internationalen Projekts „Die Geschichte beginnt in der Familie…“ ein, dessen erster Teil in Lemberg vom 3. bis 9. Juli 2017 stattfand.

Im Laufe des Projekts, das aus drei Seminaren in der Ukraine, in Polen und in Deutschland besteht, setzen wir uns mit den Themen Familie und Geschichte in zweierlei Hinsicht auseinander: mit Fokus auf die Familien in der Geschichte sowie auf die Geschichte in den Familien. Die Familie ist eine der wichtigsten sozialen Strukturen, denen wir angehören. Familien umfassen viele Generationen und sind – im Hinblick auf soziale Interaktionen – auch Erinnerungsgemeinschaften. Wir richten unser Augenmerk hauptsächlich auf die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mit besonderem Fokus auf nationalsozialistische Verbrechen.

In Lemberg stiegen wir mit mehreren Fragestellungen in die Seminararbeit ein: warum ist uns Geschichte wichtig, was interessiert uns besonders an der Erforschung der Geschichte, welche Ereignisse rufen in uns besondere Emotionen hervor und warum? Die TeilnehmerInnen stellten mitgebrachte Familienerinnerungsstücke vor – historische Gegenstände, die symbolische Brücken in der generationenübergreifenden Erinnerung bilden. Gemeinsam haben wir überlegt, was unsere Familiengeschichten verbindet und worin sie sich voneinander unterscheiden. Zu den gemeinsamen Elementen gehörten Erinnerungen an die Schulzeit, die Hobbys, die Freizeitgestaltung, Reisen, Familienfeiern, die Kindheit und Jugend unter der (deutschen und sowjetischen) Besatzung, Angst und Ungewissheit, den Verlust des Zuhauses, Schwierigkeiten, für die Verpflegung und Sicherheit der eigenen Familie zu sorgen, doch auch Hoffnung und Träume von einer besseren Zukunft. In vielen Familiengeschichten wiederholt sich das Motiv des Lebens auf dem Lande, des zivilen oder auch bewaffneten Widerstandes, der Zwangsarbeit, der Inhaftierung in Arbeits- und Konzentrationslagern; besonders stark präsent sind der Moment der Befreiung und das Kriegsende. Damit die TeilnehmerInnen einen tieferen Einblick in die Familiengeschichten gewinnen und diese der gesamten Gruppe im Laufe des zweiten Projektteils in Polen (5-11.11. 2017, IJBS Oswiecim/Auschwitz) vorstellen können, wurden die Theorie und Praxis der Interviewführung im Rahmen von Oral History-Workshops vorgestellt. Der erste praktische Versuch war für die gesamte Gruppe die Durchführung des Interviews mit dem Zeitzeugen Stepan Horechyi, der 1929 in Rawa-Ruska geboren ist und aktiv am zivilen Widerstand gegen die deutsche sowie die sowjetische Besatzung in der Ukraine beteiligt war. 1949 wurde er von der NKWD verhaftet und ins „Brygidki-Gefängnis“ in Lemberg überstellt, danach zu 25 Jahren Haft verurteilt und war bis 1955 in mehreren sowjetischen Zwangsarbeitslagern inhaftiert.

Historie rodzinne warsztaty
Workshop zum Thema Familiengeschichten
 
Rozmowa ze swiadkiem historii
Treffen mit dem Zeitzeugen Stepan Horechyi

Sehr viele Emotionen weckte bei den TeilnehmerInnen zudem der Spielfilm „Her Heart“ (Regie: Akhtem Seitablayev, 2017), der die Geschichte von Seida Arifova erzählt, einer Krimtatarin, die während des Holokaust 88 jüdische Kinder rettete. Am 18. Mai 1944 wurde sie, zusammen mit tausenden Krimtataren, von der NKWD nach Kasachstan zwangsumgesiedelt und sah die Kinder, die sie gerettet hatte, nie wieder. Der Film löste auch eine Diskussion über die aktuelle politische Situation auf der Krim aus, wo sich ein bewaffneter Konflikt zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation abspielt, und über das Schicksal der heutigen Krimtataren, die erneut dazu gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen, um der Verfolgung zu entgehen.

Zum Abschluss des Seminars bereiteten die Veranstalter eine Stadtrallye in Lemberg vor. Auf den Spuren der Lemberger Juden, Gedenk- und Gebetsstätten, Festungen und Zitadellen erkundeten die TeilnehmerInnen die multikulturelle und multireligiöse Geschichte der Stadt.

Gra miejska wie Lwowie: poszukiwanie sladow

 

Gra miejska wie Lwowie: poszukiwanie sladow

Stadtrallye in Lemberg: Spurensuche

Im November wird die Gruppe in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz noch mal zusammenkommen, um sich über die Informationen und Erfahrungen aus der Erforschung der eigenen Familiengeschichten auszutauschen, das ehemalige Konzentrationslager und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu besichtigen, das Schicksal der jüdischen Familien aus Oswiecim zu erkunden und die Geschichte und Kultur Polens sowie den polnischen Alltag kennenzulernen. Der dritte und letzte Projektteil findet im März 2018 in Oldau (Deutschland) statt. Die Ergebnisse der Seminararbeit werden auf der Website des Projekts veröffentlicht: www.dialogue-of-generations.org

Spotkanie ze swiadkom historii
Treffen mit dem Zeitzeugen Stepan Horechyi


Das Projekt, das als eine regelmäßig wiederkehrende Veranstaltung geplant ist, basiert auf der Begegnung und dem gemeinsamen Lernen von jungen Menschen aus Deutschland, Polen und der Ukraine und soll sowohl in ihnen selbst, als auch in ihrem Umfeld sozialdemokratische Ideen sowie menschliche Grundwerte stärken und somit einen Beitrag zur internationalen Zusammenarbeit und Verständigung leisten.

Grupa projektowa
Die Projektteilnehmer

Das Projekt wurde aus den Mitteln des Auswärtigen Amtes, des Deutsch-Polnischen Jugendwerks sowie des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen finanziert.