Interview aufgezeichnet:
Trzebinia, Polen25.09.2015
Ich bin am 6. Januar 1937, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in Warschau geboren. Mein Vater war Berufsoffizier, deshalb wurden wir 1939 nach Nowy Sącz verlegt, zu der Ersten Division der Podhale-Schützen [polnische Gebirgsjäger]. Genauer genommen wurde mein Vater dorthin verlegt und Mama und ich folgten ihm selbstverständlich. Wir wohnten bis zum Ausbruch des Krieges dort. Im September 1939 wurde mein Vater zum Kommandanten der Reserve ernannt, er leitete Truppenübungen für die Reservisten und fuhr mit ihnen in den Osten. Mama und ich fuhren immer mit, aber als die Russen sich mit den Deutschen verständigt hatten und Polen in zwei Teile geteilt hatten, konnten wir zur Glück noch im letzten Moment aus dem Osten fliehen und nach Nowy Sącz zurückkehren. Das sind meine ersten Kindheitserinnerungen, aber ich weiß nicht mehr viel von damals. Später zogen wir zu meiner Oma nach Trzebinia, wo ich bis heute wohne. Ich lebe hier schon sehr, sehr lange.
Woran erinnerst Du Dich aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs?
Ich weiß noch, wie wir aus Russland auf die deutsche Seite hinübergingen, weil die Deutschen einen Teil Polens besetzt hatten. Das war in Przemyśl, wir gingen über eine Bahnbrücke. Unterwegs fiel ich immer wieder um, weil es auf der Brücke Schwellen gab und dazwischen Steine lagen, deshalb waren meine Knie furchtbar aufgeschürft. Trotzdem bin ich mit meiner Mutter diesen ganzen Weg gegangen und in unsere Wohnung zurückgekehrt. Dann kamen die Deutschen, die nach meinem Vater und nach Waffen suchten. Wir hatten natürlich Waffen zu Hause, aber zum Glück haben sie die nicht gefunden. Aus Nowy Sącz fuhren wir nach Trzebinia, wo meine Oma ein kleines Häuschen hatte. Aber auch dahin kamen die Deutschen und schmissen Oma raus. Meine Mama war eine gebildete Frau und sprach perfekt Deutsch, also bekam sie eine Stelle in der „Siersza“-Grube. Damals trug die Grube den Namen „Artur“. Zusammen mit der Stelle bekam sie eine klitzekleine Wohnung, ein Zimmer mit Küche, und dort wohnten wir bis zum Kriegsende zu dritt: Oma, Mama und ich. Ich weiß nicht mehr viel aus dieser Zeit. Ich erinnere mich nur an den Brand in der Raffinerie in Trzebinia. Ich erinnere mich an Flammen, die so hoch waren, dass sie buchstäblich in den Himmel stiegen, und an die Luftangriffe, aber sonst weiß ich nicht mehr viel.
Könntest Du kurz über das Schicksal Deines Vaters berichten?
Wir haben uns zum letzten Mal in der Ukraine gesehen, er kam im letzten Moment auf seinem Motorrad, um sich von uns zu verabschieden. Vor dem Krieg gab es Motorräder der Marke „Sokół“. Auf so einem ist er damals gekommen. Das hat zumindest meine Mutter erzählt. Er verabschiedete sich von uns und sagte, er ginge in den Osten. Jemand hatte ihm vorgeschlagen, nach Rumänien zu fliehen, wohin die befehlshabenden Offiziere flüchteten, aber er war sehr pflichtbewusst und wollte seine Soldaten nicht zurücklassen. Also kehrte er zu ihnen zurück, geriet in sowjetische Gefangenschaft und kam in Katyn ums Leben. Er war im Lager in Koselsk, Mama und ich bekamen einen Brief von dort und dann schrieb Mama ihm zurück, auf Polnisch und auf Russisch, denn das war Voraussetzung. Wir durften auch keine Briefe schreiben, nur Postkarten. Beide Karten kamen aber zurück, mit einem Retour-Stempel und dem Vermerk, dass es keinen solchen Gefangenen im Lager gibt, also wussten wir, dass er tot war. Dann haben uns die Russen eingeredet, dass es die Deutschen waren, und die Deutschen, dass es die Russen waren, und man wusste nichts mehr. Erst später kam heraus, dass Papa in Katyn ums Leben gekommen war und dass es die Russen waren.
Wie war die Nachkriegszeit für Dich?
Es waren keine glücklichen Zeiten. Mein Vater war tot, ich wuchs in einer unvollständigen Familie auf. Ich hatte noch zwei Cousinen, deren Vater von den Deutschen erhängt worden war, weil er in der Heimatarmee war, wir wuchsen also zu dritt auf. Es ging uns nicht ganz so schlecht, Mama und Oma sorgten dafür, dass wir ein gutes Leben hatten. Nach dem Krieg waren wir ein Sechs-Frauen-Haushalt. Wir [die Kinder] wohnten mit Oma, Mama und der Schwester meiner Mama zusammen. Sie arbeiteten und wir gingen zur Schule. Wir machten unser Abitur in dem Gymnasium in Siersza [Stadtteil von Trzebinia] und dann studierten wir. Ich machte meinen Abschluss in Wirtschaft und gründete dann eine Familie. Ich kann mich nicht an viel aus meiner Kindheit erinnern, nur an ganz kurze Ausschnitte, wie der Gang über die Brücke in Przemyśl, von dem ich schon erzählt habe. Ich weiß noch, als mein Vater Truppenübungen leitete, mussten die Soldaten einmal im Fluss schwimmen und er nahm mich mit auf seinen Kajak. Ich erinnere mich sogar daran, wie der Kajak aussah. Er war weiß und hatte eine Raute vorne an der Spitze. Ich stieg in den Kajak und dann hört die Erinnerung auf. Ich war wohl zu nervös, weil ich Angst vor all dem hatte.