Interview aufgezeichnet:
Tostedt, Deutschland18.10.2015
[Mein Name ist] Hans-Jürgen Symanski, ich bin 78 Jahre alt und bin aus Ostpreußen nach Westdeutschland geflüchtet.
Hast Du noch Erinnerungen an Dein Leben vor der Flucht?
Aus meiner Kindheit, ja. Ich war damals 8 Jahre alt. Einiges hängt noch [in der Erinnerung].
Was denn zum Beispiel?
Was für eine Art Tiere wir hatten, wo wir gespielt haben, wo ich zur Schule gegangen bin.
Hattet ihr einen richtigen Bauernhof oder einfach nur Nutztiere für den eigenen Bedarf?
Wir konnten davon leben, wir haben davon gelebt. Wir mussten auch während des Krieges Abgaben machen. Alles, was wir über Soll erwirtschaftet haben, musste für Wehrmacht und so weiter abgegeben werden.
Wurde darüber geredet, was passiert ist? Wurde von euren Eltern darüber gesprochen, warum Krieg war, dass Krieg war, oder hatte man das einfach so mitbekommen?
Ich glaube, dafür war ich zu jung. Ich glaube auch nicht, soweit ich zurückdenken kann, dass darüber geredet wurde, denn es war Tatsache. Es war so und man durfte auch nicht zu viel sagen.
Warum durfte man nicht zu viel sagen?
Wie heißt das? „Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand“. Wenn du gesagt hättest, Hitler ist ein Verbrecher oder so was, hätte das böse ins Auge gehen können. Du wärst an die Wand gestellt worden.
Habt ihr solche Geschichten mitbekommen, oder wurde das nur weitergetragen?
Mitbekommen – nein. Die waren ja alle treu, die waren alle in einer Art Partei, Braunhemden hießen die und sie hatten diese Binden mit dem Hakenkreuz… Nein. Ich habe es nicht mitbekommen, wir haben es nicht mitbekommen. Allerdings habe ich mal [etwas] mitbekommen. Wir hatten einen in der Verwandtschaft, wie alt er war, kann ich nicht mal sagen, aber er muss schon um die zwanzig gewesen sein. Der war ein bisschen im Untergrund. Er hat uns dann mal besucht, wir wussten aber nichts davon. Wir hatten in der Nachbarschaft einen Turm, einen Beobachtungsturm, da saßen welche von der Wehrmacht oder der Partei oder der Teufel weiß wer, und die haben ihn kommen sehen. Zu Fuß kam er. Und sie haben ihn gleich abgeholt. Wir haben auch nie wieder was von ihm gehört.
Also haben sie ihn überprüft und wussten, dass er irgendwas gemacht hatte, was ihnen nicht gefallen hat. Oder warum wurde er abgeholt?
Naja, wir wohnten ein bisschen außerhalb vom Dorf, und wenn da so ein einsamer Wanderer kam, dann wurde er eben unter die Lupe genommen. Erst mal aus der Entfernung und dann wussten sie [die Beobachter] auch, wo er hinging, und dann waren die auch gleich da. Das ging ratzfatz.
Wann seid ihr zur Flucht aufgebrochen?
Ich meine, es war der 21. Januar 1945. Meines Wissens nach müsste das ein Sonntag gewesen sein, sonntags nachmittags. Das wurde ja auch alles befohlen.
Also war das nicht freiwillig?
Freiwillig wären wir schon längst abgehauen. Aber das durftest du ja auch nicht. Das wäre ja Feigheit vor dem Feind gewesen, da hätten wir uns strafbar gemacht. Das ging nicht. Du durftest nur das machen, was befohlen wurde.
Was durftet ihr alles mitnehmen auf die Flucht?
Gute Frage. Wir hatten zwei Pferde, einen Wagen, Leiterwagen, der wurde so gut wie es ging hergerichtet. Erst mal musste Futter für die Pferde mitgenommen werden, denn man wusste ja nicht, was auf einen zukam. Dann haben wir Betten draufgepackt, Essen draufgepackt, alles, was möglich war. Dann war Sense [Schluss], mehr ging nicht. Meine Großeltern sind mit Pferden und Wagen losgefahren und meine Mutter und ich und meine beiden Cousinen, wir sind mit dem Zug weitergefahren. Es war so organisiert, dass wir mit dem Zug gefahren sind. Wir durften aber auch was mitnehmen an Säcken, da wurden auch Betten reingestopft oder weiß der Kuckuck was. Ich weiß, es waren riesige Säcke, Drei-Zentner-Säcke oder was weiß ich, die wir mitgenommen haben. Erst wurden die zum Bahnhof gebracht, danach wurde der Rest aufgeladen, dann sind Oma und Opa losgezogen. Wir haben in der Kirche auf den nächsten Zug gewartet. Das ging auch nicht mehr kontrolliert, der kam nicht um 17.45 oder 46, er sollte dann kommen, kam aber erst wer weiß wann. Deshalb haben wir die Nacht in der Kirche zugebracht [verbracht], weil die beheizt werden konnte, sonst wären wir draußen auf dem kalten Bahnsteig gestanden. Während dieser Zeit, als wir auf den Zug warteten, ist meine älteste Cousine noch mal nach Hause gegangen und hat die Kühe gemolken, damit wir noch Milch hatten. Es musste ja sein. Die Viecher standen im Stall und haben gebrüllt, weil die schon längst gemolken und gefüttert hätten werden müssen. Schlimm. Es war einfach schlimm.
Und dein Vater, war er in der Wehrmacht?
Ja, er war Soldat.
War er schon lange weg, als ihr geflohen seid?
Ja, sicher. Er ist ja gleich zu Anfang des Krieges eingezogen worden. Er ist erst in Frankreich gewesen, dann weiß der Teufel… In Norwegen, Finnland ist er auch gewesen, und zuletzt haben sie alles nach Russland an die Front geschmissen.
Habt ihr während der Zeit Kontakt mit ihm gehabt, oder nicht wirklich?
Ich denke, ab und zu mal kam ein Feldpostbrief, das weiß ich nicht so genau. Das hat mich nicht so interessiert als „Ein-Meter-Mann“.
Hast Du nie gefragt, wo Papa ist?
Als ich fünf, sechs Jahre alt war, dann vielleicht. Nachher wusste ich, wo er war, und er kam ja ab und zu mal. Ich kann mich erinnern, dass er ein, zwei Mal im Urlaub war, für vierzehn Tage, drei Wochen, ich weiß es nicht mehr. Aber wo er war und so weiter, das wusste ich schon, nur nicht, wo direkt.
Also hatten sie [die Soldaten] auch Fronturlaub und durften nach Hause zu den Familien, oder wie kann man das verstehen?
Ja, aber nicht geregelt. Das war mehr so zwei Mal fünf Minuten Luft von der Front. Wie das sich da an der Front überhaupt abgespielt hat, das habe ich nie erfahren, da hat mein Vater nie darüber geredet, als er aus der Gefangenschaft zurückgekommen ist. Aber er ist nicht regelmäßig nach Hause gekommen, so wie heute: vier Monate Afghanistan und dann nach Hause, so war es nicht. Er kam höchstens einmal im Jahr nach Hause.
Um wieder auf die Flucht zurückzukommen: wusstet ihr, wohin ihr flieht, oder wolltet ihr einfach erst mal nur weg?
Von uns aus wollten wir erst mal weg, aber das ging ja auch nicht mehr so, wie es gedacht war. Der Russe war ja schon überall und vor allen Dingen hatten wir dem Russen nichts mehr entgegenzusetzen, weder in der Luft noch auf dem Landweg, er war ja überall mit seinen Flugzeugen, weit im Voraus und hat alles bombardiert, was es zu bombardieren gab. Deshalb ging gar nichts mehr geregelt vonstatten. Sicherlich wäre es schön gewesen, wenn wir von hier aus nach da hätten geradeaus fahren können, aber das ging ja nicht. [Wir fuhren] Bis dahin, dann war da die Strecke kaputt, dann musste man wieder zurück. Das war ganz ungeordnet und wo es letztlich endete, wusste auch keiner.
Seid ihr während der Dauer der Flucht irgendwann mit Russen in direkten Kontakt gekommen?
Ja, die hatten uns doch gleich. Ja, sicher. Da kann ich mich noch genau daran erinnern. Das war in Pommern, allerdings weiß ich die Ortschaft nicht mehr. Wir waren einem Haus und davor war eine Wiese, und sie sind da mit einem Flugzeug runtergekommen [gelandet].