Zofia Posmysz

Zofia PosmyszZofia Posmysz wurde am 23. August 1923 in Krakau geboren. Bei Kriegsausbruch war sie Schülerin einer Handelsschule. Die neuen Umstände zwangen sie, ihre Ausbildung zu unterbrechen.

Um nicht nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert zu werden, nahm sie eine ihr vom Arbeitsamt zugewiesene Stelle als Kellnerin in einem deutschen Kasino an. Kurze Zeit später begann sie illegal organisierten Unterricht zu besuchen. Dabei kam sie mit der Untergrundpresse in Berührung, die von Klassenkameraden vertrieben wurde. Die ganze Gruppe wurde vermutlich aufgrund einer Denunziation am 15. April 1942 verhaftet. Nach einem sechswöchigen Gefängnisaufenthalt kam Zofia Posmysz am 30. Mai 1942 in den für Frauen bestimmten Teil des Hauptlagers Auschwitz, wo sie allerdings nicht lange blieb. Nach der Flucht einer der weiblichen Häftlinge, die am Ufer des Flusses Sola arbeiteten, wurde Zofia Posmysz’ 200-köpfiges Kommando in die Strafkompanie verlegt, die in dem Dorf Buda in der Nähe von Auschwitz stationiert war. Die ausgehungerten und misshandelten Frauen wurden unter unmenschlichen Bedingungen zu schwerer körperlicher Arbeit getrieben und kämpften verzweifelt ums nackte Überleben. Nach zwei Monaten lebten nur noch 143 von ihnen, und diese Gruppe wurde nach Birkenau gebracht, wo man ein Nebenlager für Frauen eingerichtet hatte. Viele Jahre später schildert Zofia Posmysz diese Episode ihrer Lagergeschichte in der Erzählung „Sängerin“.

Birkenau ist eine neue Station der Lagerhölle. Diese begann für sie dramatisch – mit dem Fleckfieber, der die Häftlinge dahinraffte, und blutigem Durchfall (darüber schreibt sie in der Erzählung „Derselbe Doktor M“) – aber kurz darauf tritt unerwartet eine Wende zum Besseren ein: Im März 1943 kommt sie in die Lagerküche und zwei Monate später wird sie zur „Schreiberin“ befördert. Damals kam es zur Begegnung mit Tadeusz Paolone-Lisowski, der aus dem Männerlager hergebracht wurde, um sie in ihren neuen Aufgaben, der Buchführung, zu unterweisen. Über diese Begegnung schrieb sie u. a. in der Erzählung „Christus von Auschwitz“. Im Januar 1945, als die Front näher rückte, wurden tausende Häftlinge des KZ Auschwitz-Birkenau ins deutsche Hinterland getrieben. Die genaue Opferzahl jenes „Todesmarsches“ ist bis heute nicht bekannt. Die weiblichen Häftlinge aus Birkenau marschierten fast drei Tage und Nächte und wurden schließlich in offenen Waggons, bei klirrendem Frost, nach Ravensbrück transportiert. Hier erwartete, wie Zofia Posmysz schreibt, die entkräfteten Frauen die nächste Tortur: Sie mussten drei Wochen in einer Art Zelt auf dem nackten Boden schlafen. Die Befreiung durch die Alliierten erlebte Zofia Posmysz im Außenlager Neustadt-Glewe am 2. Mai 1945. Obwohl man versuchte sie zu überreden, in der von den Alliierten kontrollierten Zone zu bleiben, entschied sie sich, nach Polen zurückzukehren. Zusammen mit zwanzig Frauen machte sie sich zu Fuß auf den Weg (diese Wanderung beschrieb sie in dem Buch „Befreiung und Heimkehr“) und erreichte Ende Mai Krakau. Im Elternhaus traf sie nur die Mutter und ihren jüngeren Bruder an. Der Vater (Bahnangestellter) war im August 1943 vom deutschen Bahnschutz erschossen worden, was sie erst nach ihrer Rückkehr erfuhr. Die ältere, verheiratete Schwester lebte in Warschau. Zofia Posmysz zog zu ihr, um eine Arbeit aufzunehmen und ihre Ausbildung fortzusetzen. 1946 bestand sie das Abitur, danach studierte sie Polonistik an der Universität Warschau und arbeitete gleichzeitig nachts als Korrektorin für eine Tageszeitung. Gegen Ende des Studiums begann sie für die Literaturredaktion des Polnischen Radios zu arbeiten.

1959 schrieb sie das Hörspiel „Die Passagierin von Kabine 45“, das die Weichen für ihre literarische Zukunft stellen sollte. Aufgrund der großen Resonanz wurde es kurz darauf für das Fernsehtheater adaptiert, und der Regisseur Andrzej Munk beschloss, „Die Passagierin“ zu verfilmen. Der Film – u. a. mit einer phänomenalen Aleksandra Śląska als Lisa – kam erst nach Munks Tod 1963 in die Kinos. Ein Jahr zuvor war „Die Passagierin“ als Roman erschienen, und 1968 komponierte Mieczysław Weinberg auf der Grundlage des Romans eine Oper (das Libretto schrieb Alexander Medwedew). Die Welturaufführung der Oper während der Bregenzer Festspiele 2010 war ein künstlerisches Großereignis und bestätigte einmal mehr, dass „Die Passagierin“ zu den wichtigsten Werken zum Thema „Lager“ gezählt werden muss. Das Besondere dieses Werkes ist, dass es zwei für gewöhnlich getrennte Sichtweisen des Kriegsdramas nebeneinanderstellt – nämlich die Sicht des Henkers und die des Opfers.

Etwas im Schatten der „Passagierin“ stehen die anderen ebenso wichtigen Werke von Zofia Posmysz, wie z. B. die Romane „Ein Urlaub an der Adria“, „Mikroklima“ oder „Der Preis“, die bereits erwähnten Erzählungen sowie zahlreiche Hörspiele, Drehbücher und TeZofia Posmyszxte zu Gegenwartsthemen. Die 2008 veröffentlichte Erzählung „Christus von Auschwitz“, die eine Episode aus dem Roman „Die Passagierin“ weiter ausführt, gehört sicherlich zu einem der wichtigsten Elemente des Zeugnisses, das diese herausragende Schriftstellerin und außergewöhnliche Frau ihr ganzes Leben lang abgelegt hat.

Bearbeitung: Janusz Toczek, Foto Zofia Posmysz, 60er Jahre des XX. Jahrhunderts.

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