Interview aufgezeichnet:
Lublin, Polen20.10.2015
Mein Name ist Zofia Listosz, ich wohne in Lublin und bin 64 Jahre alt.
Ich bin nach dem Krieg geboren, meine Eltern haben auf dem Land gelebt. Sie hatten es schwer, aus mehreren unterschiedlichen Gründen. Es war in der Nachkriegszeit, auf dem Land herrschte Armut und meine Eltern mussten alles nach dem Krieg wieder aufbauen.
Wie sah das Leben Deiner Familie auf dem Land während des Zweiten Weltkriegs aus?
Es fiel ihnen leichter, auf dem Land zu überleben, weil der Winter sowieso immer schwer war. Meine Mutter pflegte immer zu sagen: „Wenn die Vorerntezeit kommt, ist es am schwersten“. Da gingen die Kartoffeln und das Gemüse langsam aus. Im Sommer hingegen hatten sie es auf dem Land einfacher, denn auf ihrem Grundstück wuchs immer etwas. Sobald sie auch nur ein einziges Hühnchen hatten, hatten sie auch Eier. Sie wohnten in der Nähe eines Waldes, da konnten sie immer Beeren finden. Obwohl sie direkt nach dem Krieg sicher nicht in den Wald gingen, weil man dort auf eine Mine treten konnte, wie meine Mutter uns erzählte. Das ist mal vorgekommen. Nach dem Krieg waren Überreste von Bomben überall verstreut. Aber auf dem Land war es einfacher, zu überleben.
Damals lebten die Menschen auf jeden Fall in ständiger Angst. Tagsüber ging es noch, aber nachts hatten sie Angst, dass jemand kommt, an die Tür klopft… Soweit ich weiß, kam es auch vor, dass die Partisanen kamen und dann gab es keinen Ausweg mehr, sie nahmen alles mit, was man hatte, Essen oder auch anderes, weil sie das für andere Partisanen oder Soldaten brauchten. Aber man wusste nicht immer, wohin die Sachen gebracht wurden.
Was wurde über die Situation der Menschen damals erzählt, über Verfolgungen, Repressionen?
Es war häufig die Rede davon, dass jemand als Partisan ums Leben gekommen ist oder dass jemand verfolgt wurde. Ich habe von meiner Familie erfahren, dass die Partisanen oft bestimmte Personen „aufriefen“. Leute hatten Angst davor, denn die Partisanen waren sehr unterschiedliche Menschen. Der Vater meines Mannes war Dorfschultheiß, also wusste er bestimmt viel über die Partisanen. Einmal, da war der Krieg schon vorbei, kamen sie abends zu ihm und riefen ihn auf, rauszukommen. Er ging raus und kam nicht wieder. Sie haben ihn in den Wald verschleppt und getötet, wir wissen bis heute nicht, ob es echte Partisanen waren oder nur Leute, die sich als Partisanen ausgegeben haben. Auf jeden Fall war er tot. Erst später sagte uns jemand Bescheid, dass seine Leiche im Wald liegt. So etwas passierte in den ländlichen Gegenden häufiger.
Wie viel haben Dir Deine Verwandten über die Besatzungszeit und ihre Erinnerungen aus dieser Zeit erzählt?
Bei uns zu Hause wurden diese Themen selten angesprochen. Meine Mutter hat manchmal erzählt, dass sie vor Luftangriffen oder Bombardierungen fliehen musste. In der Gegend gab es sehr dichtes Gebüsch, ein Moor und einen See, und sie sagte, dass sich dort oft Leute versteckt haben. Sie nahmen alles mit, was sie tragen konnten, und flohen. So viel weiß ich aus den Erzählungen meiner Mutter. Aus Familiengeschichten weiß ich auch, dass wir als Kinder oft mit unseren Eltern in den Wald gegangen sind. Wir fragten dann, warum es da Erdlöcher gab, und Mama erzählte, dass sie aus der Kriegszeit stammten, weil in dieser Gegend die Partisanen stationiert gewesen waren und das ihre Schützengräben gewesen waren. Sie erzählte mir manchmal davon, weil wir in der Nähe eines Waldes gewohnt haben, in dem viele Angriffe aus dem Hinterhalt stattgefunden hatten. Über so etwas wurde nicht öffentlich gesprochen, das waren Diskussionen im Familienkreis. Ich habe auch mit meiner Schwiegermutter darüber gesprochen, aber das war viel später. Mama hat auch erzählt, dass sich in ihrem Dorf ein Jude versteckt hatte und dass die Menschen sehr viel Angst vor der Strafe für das Verstecken eines Juden hatten, weil das sehr gefährlich war. Sie hat mit so viel Furcht davon gesprochen, dass ich mich sehr freue, dass diese Zeiten vorbei sind.
Wann hast Du die Wahrheit über den Krieg erfahren, die „entlogene“ Geschichte?
Als ich anfing, Geschichte zu lernen, glaubte ich das, was uns in der Schule erzählt wurde. Erst viele Jahre später begann ich, die wahre, „entlogene“ [Wortspiel, Gegensatz zu „verlogene”] Geschichte zu entdecken und konnte es nicht glauben, dass die Geschichte bis dahin so verlogen gewesen war, dass die Wahrheit verschwiegen wurde. Als ich das Gymnasium absolviert und geheiratet hatte, fing ich an, Zeitungen zu lesen und Radio Maryja [ein polnischer katholischer Radiosender] zu hören, erfuhr ich spannende Sachen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, z.B. über Katyn. Es kam mir unglaublich vor, dass ich so viele Jahre gelebt und das alles nicht gewusst hatte. Ich habe mich darüber mit einer Bekannten unterhalten und sie sagte zu mir: „Zosia [Koseform von Zofia], ich habe das alles sehr früh gewusst, weil mein Papa Bahnarbeiter war und bei uns in der Gegend die Partisanen aktiv waren, und wenn Papa nach Hause kam, hat er uns davon erzählt, wir durften es nur nicht weitersagen. Wir durften kein Wort darüber verlieren“. Sie hat das alles so früh gewusst, und ich habe es erst nach so vielen Jahren erfahren. Seither habe ich begonnen, mich immer mehr für Geschichte zu interessieren, und zwar die „entlogene“ Geschichte.
Wie sieht dein heutiges Verhältnis zu Geschichte aus?
Wie ich schon gesagt habe, ich fing mit der Zeit an, mich für Geschichte zu interessieren. Meine Eltern leben leider nicht mehr, ich kann also nichts mehr von ihnen erfahren, aber ich beziehe mein Wissen aus den Nachrichten. Ich lese und höre alles, was ich kann. Von meiner Familie kann ich jetzt nicht mehr viel erfahren. Manchmal, wenn ich mich mit meinen Liebsten unterhalte, schwelgen wir in Erinnerungen und nach all den Jahren bereue ich sehr, dass mich das alles früher nicht so interessiert hat, dass ich die Gelegenheit verschwendet habe, weil meine Eltern jetzt tot sind… Vielleicht war es so, weil ich nicht da war, weil ich recht früh von zu Hause weggegangen und in die Stadt gezogen bin, nach Lublin. Ich kam selten nach Hause, und wenn ich schon mal da war, hatten wir die Zeit für solche Gespräche wahrscheinlich nicht. Erst jetzt sehe ich ein, wie viel ich von meinen Eltern hätte erfahren können, wenn ich nur gefragt hätte. Aber ich fragte nicht, wenn ich nach Hause kam, nur manchmal kam etwas zum Thema Krieg und Geschichte bei den Gesprächen raus. Wenn ich damals meine Mama oder Oma mehr gefragt hätte, hätten sie mir viel mehr erzählt.
Wie oft sprichst Du mit Deiner Familie über die Familiengeschichte und die Ereignisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs?
Meine Eltern leben nicht mehr. Manchmal besuche ich meine ältere Schwester und frage sie, was sie gewusst hat, weil sie ja länger bei unseren Eltern war als ich. Ab und zu erfahre ich etwas von ihr, was ich noch nicht gewusst habe. Zum Beispiel dass ihr Schwiegervater verhaftet wurde, dass er aufgrund unterschiedlicher Repressionen nach dem Krieg achtzehnmal umziehen musste. Sein Haus wurde niedergebrannt, dann war er im Gefängnis, und danach wurde er wieder verfolgt. Er zog von Dorf zu Dorf und durfte nirgendwo länger bleiben. Es war sehr schwer für ihn. Sie hat mir erzählt, dass ihr Schwiegervater im Krieg war, nach seiner Rückkehr verfolgt wurde und wahrscheinlich irgendjemanden in seinem Haus versteckt hatte. Jemand hat ihn verraten und sie kamen am helllichten Tag, um ihn zu holen. Meine Schwester konnte nur deshalb fliehen, weil sie gewarnt wurde, dass ihr eine Gefahr droht. Sie nahm nur ihr kleines Baby mit und floh, und das Haus wurde vollständig niedergebrannt, weil ihre Familie nah am Waldrand wohnte. Ich erinnere mich auch an die Geschichten einer Dame, die im Zweiten Weltkrieg die Deportation nach Russland überlebt hatte, ich weiß noch, sie war auch im Gefängnis gewesen. Sie hat erzählt, wie sie in den Waggons transportiert wurden, wie viele sie waren, unter welchen Bedingungen, wie kalt es dort war. Sie sagte, sie hätten da nur Kartoffeln zu essen gehabt, weiter nichts. Diese Geschichten waren furchterregend. Sie hat das Gefängnis zwar überlebt, aber sie sagte, sie hätte Glück gehabt, weil sie in der Küche arbeiten durfte, wodurch es für sie leichter war und sie überleben konnte.
Wie war Deine Kindheit?
Das waren bestimmt keine leichten Zeiten, man konnte nicht alles kaufen, so wie jetzt. Meine Eltern hatten auf dem Land ein paar Kühe, also hatten wir Milch zu Hause, ein paar Kartoffeln, das Haus stand auf einer Wiese, im Wald konnte man ein bisschen Sauerampfer finden, und schon war es möglich, davon den Sommer zu überleben. Im Winter war es schwieriger, damals gab es noch keine Kühlschränke. Aber meine Kindheit war nicht so schwer, weil meine Oma so tüchtig war, dass sie sich immer zu helfen wusste, und ich musste nie in großer Armut leben.